Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen

Landesverband Hessen

StartAktuellGeschÀftsstelleBildungswerkThematischesMaterialGruppenDFG-VK Rheinland-Pfalz

Maison du peuple
In der Mitte die Richter: Thom Holtermann, Christophe Barbey, Gernot Lennert; links René Burget, UPF & CIRA, rechts Maurice Montet, UPF






PrÀsentation des Kunstwerks von Aurélie Gatet

Der Krieg auf der Anklagebank

Frankreich: Pazifistisches „Tribunal“ verurteilt GenerĂ€le des Ersten Weltkriegs

1914 bis 1918 wurden massenhaft französische Soldaten vom MilitĂ€r hingerichtet. Bei ihnen wird besonders deutlich, dass sie nicht fĂŒr Frankreich, sondern durch Frankreich starben („morts non pas pour la France, mais par la France“). SchĂ€tzungen reichen gehen von 668 bis zu 2500 FĂ€llen. Extralegale Hinrichtungen ohne dokumentiertes Kriegsgerichtsurteil erschweren die AufklĂ€rung.
Wegen dieser und vieler anderer Verbrechen klagte ein Pazifistisches Tribunal am 5. April 2014 in Limoges posthum 16 französische GenerĂ€le an. Organisiert hatten das Tribunal die Union pacifiste de France, die französische Sektion der War Resisters‘ International und damit Partnerorganisation der DFG-VK sowie der Centre international de recherche sur l’anarchisme im Limousin (CIRA-Limousin).
 
„Limogierte“ GenerĂ€le

Tagungsort war die fĂŒr die Geschichte der französischen Gewerkschaftsbewegung bedeutende Maison du peuple (Volkshaus), regionaler Sitz der Gewerkschaft CGT (ConfĂ©deration GĂ©nĂ©rale du Travail), die 1895 in Limoges gegrĂŒndet worden war. Limoges bot sich aus zwei GrĂŒnden als Ort fĂŒr das Tribunal an: erstens leben in der Stadt Aktive sowohl der Union pacifiste als auch des CIRA, zweitens wurden im Ersten Weltkrieg zahlreiche GenerĂ€le, die fĂŒr unfĂ€hig gehalten wurden, von der Front entfernt und ins Hinterland versetzt, viele davon nach Limoges. Daraus entstand das Verb limoger (dt.: jemanden in die WĂŒste schicken), das heute nicht nur auf GenerĂ€le angewandt wird. Zur Ehrenrettung von Limoges muss ausdrĂŒcklich gesagt werden, dass ich es als schöne Stadt mit gastfreundlichen Menschen erlebt habe (und dass nicht jeder, der von Paris nach Limoges umzieht, „limogiert“ worden sein muss).
 
Der Krieg auf der Anklagebank
Die Verhandlung wurde geleitet von „GerichtsprĂ€sident“ Christophe Barbey, Jurist und Friedensforscher aus der Schweiz. Ihm assistierten als „VizeprĂ€sidenten“ Thom Holterman, emeritierter Juraprofessor der UniversitĂ€t Rotterdam, und Gernot Lennert, LandesgeschĂ€ftsfĂŒhrer der DFG-VK Hessen und der DFG-VK Rheinland-Pfalz. Damit kamen zwei „Richter“ aus LĂ€ndern, die im Ersten Weltkrieg neutral gewesen waren, und einer aus einem damaligen Feindstaat. Die Rollen von Anklage und Verteidigung sowie Gerichtsschreiber und Gerichtsdiener ĂŒbernahmen Aktive der Union Pacifiste und des CIRA.
Von 16 exemplarisch ausgewĂ€hlten GenerĂ€len waren akribisch die LebenslĂ€ufe und Taten recherchiert worden, mit jeweils einer Seite Anklageschrift und PlĂ€doyer der Verteidigung. Die Anklageschriften listeten im Detail die von den jeweiligen GenerĂ€len verantworteten massenmörderischen Offensiven auf, in denen Hundertausende selbst nach militĂ€rischen Kriterien sinnlos in den Tod gehetzt wurden, darunter eine mit 130000 Toten in fĂŒnf Stunden. Gerade das Leben afrikanischer Soldaten aus den Kolonien galt den GenerĂ€len wenig. Hinzu kamen die verhĂ€ngten oder angestrebten Todesurteile wegen Feigheit und dergleichen und die im Blut ertrĂ€nkten Meutereien. Auch die Beteiligung an der Niederschlagung der Commune-Bewegung von 1870, an Massakern in den Kolonien vor dem Ersten Weltkrieg, der Rassismus und Antisemitismus und andere reaktionĂ€re Ansichten der Angeklagten sowie die spĂ€tere Kollaboration mit Nazis oder Mitverantwortung fĂŒr die französische AtombombenrĂŒstung wurden in den jeweiligen FĂ€llen angeprangert. Die PlĂ€doyers der Verteidigung gaben in den meisten FĂ€llen zu bedenken, dass die Angeklagten aus ungĂŒnstigen, ihre spĂ€tere KriminalitĂ€t begĂŒnstigenden FamilienverhĂ€ltnissen - oft militaristisch, extrem reaktionĂ€r und ultrakatholisch – kamen, schon als Kinder zum nationalistischen Hass erzogen wurden, als Teenager auf die Kriegsverbrecherschule namens MilitĂ€rakademie geschickt wurden und nie die Gelegenheit hatten, einen Pazifisten oder einen Kriegsdienstverweigerer zu treffen. Ich fĂŒrchtete zunĂ€chst, dass es sehr monoton werden wĂŒrde, all die die untereinander Ă€hnlichen PlĂ€doyers von Anklage und Verteidigung anzuhören. Doch sie wurden rhetorisch brillant vorgetragen, gespickt mit Wortspielen, genĂŒsslichen Anspielungen auf in Bordellen eingehandelte Geschlechtskrankheiten und dergleichen der Angeklagten sowie drastischen Charakterisierungen wie „Metzger von Verdun“, „Charles der Schreckliche“, „verfluchter Schafskopf“.
 
Gedenken an russische Soldaten

In einem Exkurs wurde an die Soldaten zweier russischer an der Westfront eingesetzten Brigaden erinnert. Nach Bekanntwerden der Revolution in Russland wĂ€hlten sie SoldatenrĂ€te. Viele weigerten sich weiterzukĂ€mpfen und verlangten ihre Repatriierung nach Sowjetrussland. Die des Kommunismus VerdĂ€chtigen wurden in Courtine, gleichfalls im Limousin gelegen, interniert. Als sie den Gehorsam verweigerten, beschoss die französische Armee das Internierungslager, wobei nach SchĂ€tzungen einige Hundert beim Granatenbeschuss und anschließenden Erschießungen starben. Die Überlebenden konnten zwischen MilitĂ€rdienst oder Arbeitsdienst in Ostfrankreich wĂ€hlen. Wer beides verweigerte, wurde zur Zwangsarbeit nach Algerien geschickt.
 
Denkmal
Vor der UrteilsverkĂŒndung wurde ein Werk der KĂŒnstlerin AurĂ©lie Gatet aus Limoges zum den VerstĂŒmmelungen der französischen Soldaten des Ersten Weltkriegs enthĂŒllt. Ein grauer Soldatenmantel ist an Stelle von Orden mit Rasierklingen verziert, die sowohl die Verletzungen als auch die unhygienischen Lebensbedingungen in den SchĂŒtzengrĂ€ben, wo man sich kaum rasieren konnte, symbolisieren sollen.
 
Das Urteil
Wie nicht anders zu erwarten verurteilte das Tribunal die Angeklagten. Zu allererst verurteilte das Gericht den Krieg an sich und alle Kriegsvorbereitungen. Das Gericht verwarf die Todesstrafe und bekannte sich zu Menschenrechten und stellte fest, dass ein Krieg allein deshalb ein Verbrechen sei, weil er Menschen massenhaft zum Tod verurteilt und in vielerlei Hinsicht Menschenrechte verletzt. Auch sei es ein Verbrechen, Menschen zum Kriegsdienst zu zwingen, wodurch die Rechte auf Leben und Freiheit massiv verletzt werden. Krieg verletze auch das Recht jedes Menschen in Frieden zu leben. Das Urteil endet mit der Aufforderung nicht mehr die SchlĂ€chter zu verehren, sondern stattdessen Personen zu ehren, die deren Opfer wurden oder die sich fĂŒr Menschlichkeit und Freiheit eingesetzt haben.
 
Unterschiedliche Diskurse in Frankreich und Deutschland
Aus deutscher Sicht muss ein solches Tribunal irritieren. Mir und anderen drÀngte sich die Frage auf, ob es denn wirklich nichts Wichtigeres und Aktuelleres gibt, als sich ausgerechnet einem solchen Aspekt des Ersten Weltkriegs zu widmen.
Beim Tribunal in Limoges ging es auf den ersten Blick nur um die GenerĂ€le des Ersten Weltkriegs. Die Themen, die im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg in der Friedensbewegung und Öffentlichkeit in Deutschland diskutiert werden, kamen mit keinem Wort vor. Das gilt sowohl fĂŒr die aktuelle Debatte um die Kriegsursachen und um die Verantwortlichkeit fĂŒr den Krieg als auch fĂŒr Überlegungen, inwieweit es Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der internationalen Situation von 1914 und heute gibt und ob wieder ein Weltkrieg droht. Anfang des Jahres war das noch eine eher dem kalendarischen Zufall des Gedenkjahrs geschuldete Frage, seit der Eskalation der Ukraine-Krise wirkt sie sehr aktuell. Obwohl beim Tribunal an die in Courtine internierten und getöteten russischen Soldaten erinnert wurde, war auch das kein AufhĂ€nger, um auf den jetzigen bedrohlichen Konflikt in Osteuropa einzugehen.
FĂŒr die Friedensbewegung in Deutschland ist es ein sehr fernliegender Gedanke, sich speziell mit den Verbrechen deutscher GenerĂ€le im Ersten Weltkrieg zu befassen. In Deutschland wird die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg von den GrĂ€ueln des Zweiten Weltkriegs, der Nazi-Diktatur und der Schoah ĂŒberschattet. Daran dĂŒrfte auch das aktuelle Gedenkjahr langfristig wenig Ă€ndern. GenerĂ€le des Ersten Weltkriegs sind den meisten, falls ĂŒberhaupt namentlich bekannt, vor allem als Politiker und Wegbereiter des Nationalsozialismus in Erinnerung geblieben, wie Ludendorff und Hindenburg, die in Deutschland abgesehen von extremen Rechten keineswegs mehr gefeiert werden. Die Hindenburgstraßen werden eher als peinlich empfunden, auch wenn man sich meist nicht zur Umbenennung aufraffen will.
In Frankreich hingegen ist dies anders. Frankreich hat die beiden Weltkriege gewonnen, sieht sich auch rĂŒckblickend moralisch im Recht und feiert bis heute kontinuierlich seine siegreichen Helden aus einer Kette von Kriegen. Nach ihnen sind zahlreiche zentral gelegene und große Straßen benannt. Die KriegsdenkmĂ€ler wirken auch optisch wie DenkmĂ€ler von Siegern, triumphalistisch und unĂŒbersehbar auf Straßenkreuzungen und zentralen PlĂ€tzen. Man sieht wenig Grund, die eigene Vergangenheit oder auch Krieg an sich kritisch zu hinterfragen oder sich gar dafĂŒr zu schĂ€men.
Beim Tribunal wurde erklĂ€rt, es sei auch gedacht „als Akt der Sabotage der offiziellen Gedenkfeiern an den Krieg von 14-18, die uns im Patriotismus, dem Opium des Volkes, trĂ€nken wollen.“ Was aus deutscher Perspektive zunĂ€chst merkwĂŒrdig rĂŒckwĂ€rtsgewandt wirkt, ist angesichts der KontinuitĂ€t von Nationalismus und Militarismus in Frankreich hochaktuell. Denn die Verherrlichung der GenerĂ€le des Ersten Weltkriegs dient der Rechtfertigung der Kriege von heute und morgen.

Gernot Lennert
 
Veröffentlicht in Zivilcourage Nr. 2/2014 S.20f.    als pdf

Das Urteil:

TRIBUNAL PACIFISTE
Appelé à juger les généraux français les plus impliqués
dans les condamnations à mort et les exécutions de ces condamnations
durant le conflit de 14-18.

Jugement définitif

Rendu Ă  la Maison du Peuple Ă  Limoges le 5avril 2014

 

 

Letztes Update: 23.06.2014 12:50
Druckversion Kontakt Impressum