Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen

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Venezuela – Ein offener Brief

Offener Brief von Aktivist*innen und Organisationen fĂŒr Frieden und Gewaltfreiheit aus Venezuela an ihre Freund*innen in der ganzen Welt

Originaltext auf Spanisch:
Carta abierta de organizaciones y activistas del Derecho a la Paz y la Noviolencia de Venezuela a sus colegas del mundo

Unterzeichnet wurde der Offene Brief auch von Lexys RendĂłn, Mitglied des Rats der War Resisters' International (WRI) / Internacional de Resistentes a la Guerra (IRG), und Rafael UzcĂĄtegui, bis 2014 Mitglied des Rats der WRI/IRG. Die DFG-VK ist Sektion der WRI.

 

Wir, Organisationen und Menschen, die Menschenrechte verteidigen, Aktivist*innen und Förder*innen von Gewaltfreiheit und Frieden, Kriegsdienstverweiger*innen und Antimilitarist*innen, die in Venezuela aktiv sind, wenden uns mit diesem Offenen Brief an unsere Freund*innen in der ganzen Welt, um Euch unsere Meinung ĂŒber die sich derzeit in unserem Land entfaltenden Konflikte mitzuteilen.

Wir wissen, dass die Abnahme der Gewaltursachen stark zusammenhĂ€ngt mit der MenschenwĂŒrde der Bevölkerung. Es kann keine wĂŒrdevollen Lebensbedingungen und Frieden geben, solange nicht die Macht, Hunger und Ungleichheit abnimmt und es nicht zu  Verbesserungen beim Zugang zu grundlegenden NahrungsgĂŒtern und Dienstleistungen fĂŒr die gesamte Bevölkerung kommt, insbesondere fĂŒr die am stĂ€rksten gefĂ€hrdeten Teile. In Gesellschaften ohne demokratische Garantien zur Teilnahme an freien und fairen Wahlen von Vertretern und Machthabern gedeiht Gewalt. Es gibt keine Möglichkeit Gewaltfreiheit und Frieden zu fördern, wenn wir die Ursachen von Diskriminierung und Ungleichheit ignorieren, die Millionen von Menschen dazu gezwungen hat, das Land zu verlassen. Um Gewaltlosigkeit und Frieden zu fördern, mĂŒssen wir darauf bestehen, die AusĂŒbung von Macht mit einer Logik der Einseitigkeit, des Autoritarismus und Militarismus zu beseitigen, da sie die Beziehungen zwischen den Menschen nur aus der Perspektive von Freunden versus Feinden, von VerbĂŒndeten versus VerrĂ€tern betrachtet, und Unterschiede und Freiheit, sowohl symbolisch wie auch ganz real, zu eliminieren versucht.

Venezuela erlebte einen immer schneller werdenden Prozess mit erheblichen RĂŒckschlĂ€gen fĂŒr unsere LebensqualitĂ€t, womit es immer schwieriger wurde, Zugang zu den grundlegendsten GĂŒtern fĂŒr den Lebensunterhalt zu erhalten, was das demokratische System tiefgreifend beeinflusst hat. Seit 2015, nach der Wahl der Nationalversammlung, war es offensichtlich, dass die politischen, der Regierung nahestehenden KrĂ€fte, ihre Mehrheit verloren hatten und die Wahlen manipuliert wurden, um zu garantieren, dass die Partei von Maduro, der Partido Socialista Unido de Venezuela (PSUV – Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas) an der Macht bleibt.

Die Regierung veröffentlicht keine offiziellen Daten und missachtet und kriminalisiert Untersuchungen und Zeugenaussagen, die eine RealitĂ€t widerspiegeln, die im Gegensatz zu der in den nationalen Medien steht. Diese werden eisern ĂŒberwacht und zensiert. Das Hochkommissariat fĂŒr Menschenrechte der Vereinten Nationen berichtete, dass 3,5 Millionen Venezolaner*innen zur Migration aus dem Land gezwungen wurden. Venezuela erleidet einen Allgemeinen HumanitĂ€ren Notstand – verursacht durch politische Entscheidungen, nicht durch natĂŒrliche Katastrophen oder bewaffnete Konflikte. Der Staat ist verantwortlich fĂŒr die beigebrachten SchĂ€den und demonstriert zugleich, dass er keinerlei Absicht hat, diese SchĂ€den wiedergutzumachen.

2018 erreichte die Armutsrate nach Angaben der drei wichtigsten UniversitĂ€ten des Landes etwa 48% der Haushalte. Die Inflation erreichte 1.229.724 Prozent und könnte laut Prognosen im Jahr 2019 10 Millionen Prozent erreichen. Eine einzelne Familie benötigt 60 Monatslöhne, um die zum Überleben notwendigen Waren und Dienstleistungen zu erwerben. 2017 verloren 64% der Venezolaner rund 11 kg an Gewicht, 33% der Kinder zwischen null und zwei Jahren leiden unter Verzögerungen in ihrem Wachstums- und Entwicklungsprozess. Nach einer von der Caritas durchgefĂŒhrten Studie mussten 53% der venezolanischen Haushalte auf Überlebensstrategien wie Betteln und Nahrungssuche im MĂŒll zurĂŒckgreifen.

FĂŒr das Jahr 2018 gaben nichtstaatliche Organisationen an, dass 60% der im Jahr 2011 bestehenden Ă€rztlichen Versorgung verschwunden war. Laut offiziellen Angaben stieg die Sterberate bei MĂŒttern um 66%, bei Kindern um 30% an. Seit 2017 haben mehr als 79.000 Menschen mit HIV keine antiretroviralen Medikamente mehr erhalten. Venezuela hat die weltweit höchste Wachstumsrate von Malaria-FĂ€llen, was zu einem Anstieg der FĂ€lle in Lateinamerika um 43% fĂŒhrt. Allein im Jahr 2018 stieg die Zahl der FĂ€lle von Malaria um 53% an. Angesichts des Wiederauflebens von ausgerotteten Krankheiten wie Tuberkulose (10.952 FĂ€lle), Diphtherie (9.362 FĂ€lle) und Pocken, was mindestens 5.000 TodesfĂ€lle verursacht hat, ist eine alarmierende Krise des Gesundheitssystems zu verzeichnen. Sie wurde verursacht durch den fehlenden Zugang zu Medikamenten, PrĂ€ventions- und Kontrollprogrammen. Die Pharmazeutische Föderation Venezuelas berichtete, dass 2018 der Mangel an Medikamenten 85% erreichte. Das Defizit bei Betten in KrankenhĂ€usern betrĂ€gt 64%, 79% der KrankenhĂ€user haben kein fließendes Wasser, 53% der OperationsrĂ€ume sind geschlossen und 95% der Medikamente, medizinischen VorrĂ€te und AusrĂŒstung sowie Ersatzteile werden importiert.

Der Oberste Gerichtshof hat 2017 versucht, die Nationalversammlung durch einen Erlass zu annullieren, was die GeneralstaatsanwĂ€ltin Luisa Ortega DĂ­az zu einem „Bruch der Verfassungsordnung“ erklĂ€rte. Infolgedessen hat Venezuela zusammen mit Nicaragua die grĂ¶ĂŸte Serie von friedlichen Protesten in der heutigen lateinamerikanischen Geschichte erlebt. Millionen von Menschen gingen auf die Straße, um freie und vertrauenswĂŒrdige Wahlen einzufordern, sowie die Achtung der verfassungsmĂ€ĂŸigen Ordnung, die Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit. Die im Land bestehenden demokratischen Mittel zur VerĂ€nderung der Situation wurden blockiert, die Bevölkerung war beteiligt an MĂ€rschen, Blockaden von Straßen, organisierten SpaziergĂ€ngen, Petitionen, kĂŒnstlerischen direkten Aktionen, Hungerstreiks, Referenden und Dialogen. Als Antwort wurde ein repressiver MilitĂ€rplan unter dem Namen „Plan Zamora“ umgesetzt, unter Beteiligung der SicherheitskrĂ€fte, der Bolivarischen Nationalgarde und bewaffneter Zivilisten. Nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen gab es im ganzen Land innerhalb von vier Monaten 6.729 Protestaktionen. 135 Menschen wurden ermordet, mehr als 12.000 inhaftiert. Es gibt 848 politische Gefangene und ĂŒber 230 Opfer von Folter, grausamer und ungewöhnlicher Bestrafung. Millionen sind im Exil. Das Ergebnis war eine systematische Verfolgung jedes politischen Dissenses, was die Eröffnung einer vorlĂ€ufigen Untersuchung durch den Internationalen Strafgerichtshof fĂŒr Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Folge hatte.

NicolĂĄs Maduro verstieß gegen die Verfassung, als er eine Nationale Verfassungsgebende Versammlung einberief, die mit ĂŒber der Verfassung stehenden Befugnissen ausgestattet ist, und den Ausnahmezustand erklĂ€rte, um persönlich regieren zu können und den Termin der PrĂ€sidentschaftswahlen vorzuziehen, ohne Mindestbedingungen fĂŒr freie Wahlen einzuhalten, die den Venezolaner*innen ermöglicht hĂ€tten, ihren Willen an den Urnen auszudrĂŒcken. So wurde Maduro 2018 fĂŒr weitere Amtszeit von sechs Jahren wiedergewĂ€hlt, durch einen politischen Akt, der nicht fair, transparent, frei und vertrauenswĂŒrdig war, wie die Vereinten Nationen, die Organisation der Amerikanischen Staaten und 60 LĂ€nder aus der ganzen Welt bezeugten. Die Wahl war auch von der venezolanischen Menschenrechtsbewegung angeprangert worden.

2018, nach der Niederlage im Kampf der Bevölkerung fĂŒr die Wiederherstellung der Demokratie und bei stĂ€ndiger Verschlechterung des Allgemeinen HumanitĂ€ren Notstandes, wurde die stĂ€rkste erzwungene Migration verzeichnet, die die Region je erlebt hat. Nach Angaben des Hochkommissariats fĂŒr FlĂŒchtlinge (UNHCR), flohen verließen drei Millionen Venezolaner*innen das Land. Wenn sich die Situation 2019 nicht gravierend Ă€ndere, könne sich die Zahl auf fĂŒnf Millionen Menschen erhöhen. Die Proteste in Venezuela haben nicht aufgehört. 2018 gab es insgesamt 12.715 Protestaktionen, also im Durchschnitt 35 tĂ€glich. 89% davon thematisierten die Sozial- und Arbeitsanforderungen, die Bereitstellung der Grundversorgung, Gesundheit und Lebensmittel. Im Zusammenhang mit diesen Aktionen wurden 14 Menschen ermordet, 13 durch SchĂŒsse. 2017 wurde die Fuerza de Acciones Especiales (FAES), eine Sondereinheit der Polizei, gegrĂŒndet, fĂŒr SĂ€uberungsaktionen in den Wohnvierteln mit willkĂŒrlichen Inhaftierungen, Razzien in Wohnungen und außergerichtliche Hinrichtungen. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Provea hat die FAES ein Jahr seit ihrer GrĂŒndung mindestens 205 Menschen ermordet.

Am 10. Januar 2019 erklĂ€rte NicolĂĄs Maduro sich selbst fĂŒr eine zweite Amtszeit zum PrĂ€sidenten. Er verstieß gegen die nationale Verfassung und setzte eine de-facto-Regierung ein. Die Nationalversammlung erklĂ€rte am 23. Januar als die einzige Institution, die durch eine Wahl des Volkes legitimiert ist und ihr Mandat auf die Verfassung stĂŒtzt, dass die PrĂ€sidentschaft widerrechtlich angeeignet worden sei und ĂŒbernahm damit die Befugnisse des Exekutivorgans, um eine Übergangsregierung einzusetzen und damit innerhalb kurzer Zeit freie und vertrauenswĂŒrdige Wahlen durchfĂŒhren zu können.

Seit dem 21. Januar gibt es eine neue Welle von Massenprotesten. Teile des Volkes sind die TrĂ€ger der Proteste, wie die Bevölkerung des Stadtteils Cotiza, die am 21. Januar in den Straßen ein Ende der widerrechtlichen Aneignung der PrĂ€sidentschaft einforderte, nachdem eine nahegelegene MilitĂ€rgarnison erklĂ€rt hat, Maduro nicht als PrĂ€sidenten anzuerkennen. Die Nachbarschaftsproteste wurden von den SicherheitskrĂ€ften, angefĂŒhrt von der FAES, niedergeschlagen. Zwischen 21. Januar und 4. Februar 2019 wurden bei den Protesten 35 Menschen ermordet, 9 Personen wurden bei Hausrazzien, die im Anschluss an die Proteste stattfanden, außergerichtlich hingerichtet. Es gab 939 Festnahmen, unter ihnen Hunderte von Frauen, 77 Jugendliche und 7 IndĂ­genas.

Die politischen und humanitĂ€ren Krisen und die FlĂŒchtlingskrise von Venezuela sind heute ein Problem fĂŒr die Region. LĂ€nder mit verschiedener ideologischer Ausrichtung haben seit Jahren ihre Besorgnis ausgedrĂŒckt. Und die gegenwĂ€rtige Situation wurde zu einem entscheidenden Moment fĂŒr die Zukunft des Landes und der Region. Die bevölkerungsreichsten und die am stĂ€rksten von der venezolanischen Migration betroffenen 13 LĂ€nder der Region haben sich in der Lima-Gruppe zusammengeschlossen. Sie haben die Nationalversammlung anerkannt und Juan GuaidĂł als InterimsprĂ€sidenten. Sie unterstĂŒtzen den Aufruf zu Neuwahlen, insbesondere den Aufruf zu einem friedlichen Übergang ohne Gewaltanwendung. Auch 21 LĂ€nder der EuropĂ€ischen Union haben sich der Forderung nach freien und vertrauenswĂŒrdigen Wahlen, dem Ende der de-facto-Regierung durch NicolĂĄs Maduro und Anerkennung der Exekutivfunktionen des PrĂ€sidenten der Nationalversammlung Juan GuaidĂł angeschlossen. Die EuropĂ€ische Gemeinschaft hat die Einsetzung einer Kommission gefordert, die innerhalb von drei Monaten vertrauenswĂŒrdige Wahlen in Venezuela durchfĂŒhren soll. Mexiko und Uruguay haben einen Dialogprozess vorgeschlagen, um einen friedlichen Ausweg aus der Krise zu finden. Kolumbien und Brasilien – Nachbarstaaten von Venezuela und stark betroffen durch die Grenz- und FlĂŒchtlingskrise – unterstĂŒtzen die ErklĂ€rungen der Lima-Gruppe und boten Hilfe bei der Bereitstellung humanitĂ€rer UnterstĂŒtzung an der Grenze an. Die USA haben eine stĂ€rker kriegerische Haltung in der Krise eingenommen, indem sie Druck ausĂŒben, den Übergang entsprechend des Vorschlags der Lima-Gruppe umzusetzen, andernfalls aber alle anderen Optionen, einschließlich einer militĂ€rischen Option, in Betracht ziehen.

Die ErklĂ€rungen der USA haben zu einer verstĂ€ndlichen weltweiten Reaktion gefĂŒhrt. Leider war die Reaktion weder darauf gerichtet, einen Krieg zu vermeiden, mit Blick auf die Tragödie, die ein Krieg fĂŒr die venezolanische Bevölkerung und die Region bedeuten wĂŒrde, noch einen friedlichen Abgang Maduros zu unterstĂŒtzen, der dem venezolanischen Volk ermöglichen wĂŒrde, seinen Willen frei zu Ă€ußern. Man sah nur einen Konflikt zwischen Maduro mit dem venezolanischen Sozialismus versus dem Yankee-Imperialismus. Indem man die venezolanische Regierungspropaganda verstĂ€rkt, begeht man einen Akt großer Ungerechtigkeit gegenĂŒber einer Bevölkerung, die unter dem allgemeinen humanitĂ€ren Notstand leidet, dem Fehlen von Freiheiten leidet und die mehrheitlich ihren Wunsch nach Wandel ausgedrĂŒckt hat.

Wenn wir ĂŒber Imperialismus in Venezuela sprechen, mĂŒssen wir die ganze Wahrheit sagen. Unser Land ist weiterhin ein Exporteur des Rohstoffs Erdöl. Die USA sind weiterhin ein Haupthandelspartner zusammen mit China und Russland, was zu bedeutenden Vereinbarungen zwischen der russischen Ölgesellschaft Rosneft und der venezolanischen Ölgesellschaft Pdsva gefĂŒhrt hat, die jedoch nicht öffentlich sind. DarĂŒber hinaus hat Maduro 2016 per PrĂ€sidialerlass großangelegten Bergbau im Arco Minero del Orinoco (Bergbaubogen des Orinoco) erlaubt, einer FlĂ€che von 111.843,70 Quadratkilometern, was 12,25% des venezolanischen Territoriums entspricht – grĂ¶ĂŸer als Portugal, geteilt in vier Bereiche zur Ausbeutung von Gold, Diamanten, Coltan und anderen Mineralien. Das Gebiet ist das grĂ¶ĂŸte Trinkwasserreservoir im Land, es ist Territorium indigener Gemeinschaften, und es gibt keinerlei Studien ĂŒber die Umweltauswirkungen. Es gab zuvor auch keine freie und auf Informationen fußende Zustimmung zu den Projekten. Die Nationalversammlung hat den Projekten nicht zugestimmt, wie es die Verfassung vorschreibt. Das Land wurde militarisiert, mit erheblichen negativen Konsequenzen und einem Anstieg der MafiaaktivitĂ€ten, sklavenĂ€hnlichen Bedingungen, sexueller Ausbeutung, UmweltschĂ€den, einem negativen kulturellen Einfluss auf indigene Gemeinschaften, die mit den Campesinos zu Minenarbeitern wurden, begleitet von Massakern und Verschwindenlassen von Minenarbeitern. Die öffentlichen Beschwerden, die die Möglichkeit einer der grĂ¶ĂŸten Umweltkatastrophen in der Region und die Verletzung von Umwelt- und Sozialrechten thematisierten, wurden von Lobbyisten aus der ganzen Welt zum Schweigen gebracht. Die TĂŒrkei, China, Kanada, Russland und verschiedene afrikanische LĂ€nder sind in höchstem Maße interessiert und an der Erkundung und Ausbeutung der Minen des Arco Minero beteiligt.

Wir mĂŒssen ergĂ€nzen, dass Russland zum grĂ¶ĂŸten WaffenhĂ€ndler fĂŒr Venezuela geworden ist. Rosoboronexport, der große russische Waffenexporteur, kĂŒndigte 2018 an, die Zusammenarbeit mit der Maduro-Regierung beim Bau und der Eröffnung einer Kalaschnikow-Waffenfabrik zu reaktivieren, um sie 2019 zu eröffnen – ein Vorhaben, das sich aufgrund von KorruptionsvorwĂŒrfen ĂŒber Jahre verzögert hat.

Ab 2016 wurde die Maduro-Regierung zu einer MilitĂ€rregierung mit begrenzter ziviler UnterstĂŒtzung. Venezolanische MilitĂ€rs, die sich dem militĂ€rischen Geheimhaltungsdenken verschrieben haben, besetzen derzeit ohne jede Form öffentlicher Kontrolle die wichtigsten Stellen bei Kauf, Import und Verteilung von Waren fĂŒr den Allgemeinem HumanitĂ€ren Notstand und eine betrĂ€chtliche Zahl von SchlĂŒsselministerien, Gouverneursposten, staatlichen und privaten Firmen usw. Nach einer von Transparencia Venezuela durchgefĂŒhrten Untersuchung standen 2018 zwölf Ministerien und sechs Bundesstaatsregierungen unter der FĂŒhrung von MilitĂ€rs. Die nationale Produktion und der Vertrieb von Grundnahrungsmitteln, die besonders knapp sind und mit denen auf den SchwarzmĂ€rkten spekuliert wird, sind in den HĂ€nden des militĂ€rischen Establishments. Speiseöl, Reis, GeflĂŒgel, Zucker, Rindfleisch, Kaffee, schwarze Bohnen, Hygieneartikel, pharmazeutische Erzeugnisse, Molkereiprodukte, Mais, Maismehl, Margarine, Toilettenpapier, Damenbinden, Einwegwindeln, Schweinefleisch, Weizen und Soja. MilitĂ€rangehörige koordinieren die neun wichtigsten GroßhandelsmĂ€rkte fĂŒr die Verteilung von Lebensmitteln im ganzen Land. Ihnen untersteht das Management von FlughĂ€fen und nationalen HĂ€fen. Es gibt MilitĂ€runternehmen in den Bereichen Finanzwesen, Banken, Landwirtschaft, Kommunikation, Öl, Bergbau, Bildung, Gesundheit, Versicherungswesen, Industrie, Bauwesen und Vertragsgestaltung. Das Land wird vom MilitĂ€r regiert und ist dessen Gnade ausgeliefert, was seine Logik und stĂ€ndige Kriegspropaganda mit einschließt.

Venezuela erlebt seit zwei Jahrzehnten die Logik eines Krieges, die die Venezolaner*innen spaltet. Es war ein Prozess der Polarisierung, der sich im Laufe der Jahre verĂ€ndert hat und in dem sich heute die Menschen in extremen Positionen wiederfinden: Diejenigen, die die Demokratie verteidigen, und diejenigen, die auf autoritĂ€re Art und Weise die Macht zu halten versuchen, indem sie die Verfassung verletzen, die Gewaltenteilung beseitigen und die Wahlen manipulieren, so dass diese nicht wirklich den Willen des Volkes widerspiegeln. Es ist die Verteidigung einer MilitĂ€rdiktatur mit einem zivilen Staatsoberhaupt, Ă€hnlich wie die von Alberto Fujimori in Peru, gegen die Mehrheit der Bevölkerung, die einen friedlichen Ausweg wĂŒnscht, auf dem die Stimme des venezolanischen Volkes in freien und vertrauenswĂŒrdigen Wahlen sein Schicksal auswĂ€hlen kann.

NicolĂĄs Maduro hat alle friedlichen Wege fĂŒr eine Lösung geschlossen, die die Wiederherstellung der Demokratie, der verfassungsmĂ€ĂŸigen Ordnung und die dringend notwendige Aufmerksamkeit fĂŒr den Allgemeinen HumanitĂ€ren Notstand ermöglicht. Er hat kritische Stimmen ignoriert und kriminalisiert, auch diejenigen, die sich mit dem Chavismus identifizieren und öffentlich Maduros Regierungsstil kritisieren.

Was heute in Venezuela geschieht, ist kein Fall von Imperialismus gegenĂŒber einer legitimen Regierung sozialistischen Zuschnitts. Die Bevölkerung beharrt auf dem konstitutionellen und friedlichen Weg, um die Demokratie wiederherzustellen. Wir wollen keine gewaltsame militĂ€rische Intervention, wir wollen keine Toten und kein Leid mehr, wir fordern die ganze Welt dringend auf, die Klage der venezolanischen Bevölkerung nicht zu ĂŒberhören. Wir können einen Krieg stoppen, wir können eine militĂ€rische Intervention aufhalten, wenn sich alle innerhalb und außerhalb unserer Grenzen zusammenschließen, wir gemeinsam unsere Stimme erheben und fordern, dass das Volk durch wirklich freie und demokratische Wahlen souverĂ€n ĂŒber sein Schicksal entscheidet.

FĂŒr den Konflikt in Venezuela gibt es heute nur zwei Auswege: einen friedlichen, auf dem die verletzte Verfassung wiederhergestellt wird durchs Ende der de-facto-Regierung und freie und vertrauenswĂŒrdige Wahlen. Die zweite Option ist die Anwendung von Gewalt, sei es durch ein Vorgehen eines Teils des venezolanischen MilitĂ€rs gegen die herrschenden Eliten oder durch ein bewaffnetes Eingreifen auslĂ€ndischen MilitĂ€rs. Es hĂ€ngt von allen Menschen der Welt und ihrem Handeln ab, genĂŒgend Druck auszuĂŒben, so dass der Ausweg gewaltfrei und inklusiv ist, mit Demokratie und Gerechtigkeit, wie es das venezolanische Volk und die gesamte Menschheit verdienen. Wir möchten, dass es unsere Stimmen und Bestrebungen sind, die ĂŒber die Zukunft und das Schicksal unseres Landes bestimmen, nicht die Waffen. Aber dafĂŒr brauchen wir Eure Hilfe.

Caracas, den 10. Februar 2019    

Die Aktivist*innen:
Alba Purroy, Alejandro Álvarez Iragorry, Alexis Ramirez, Alfredo Infante, Ángel Zambrano, Aura Scaramelli, Catalina Valera, Cristal Palacios, CristĂłbal Plaza, Daniel Arzola, Daniel Certain, Douglas GĂłmez, Erick Lairet, Euglis Palma, Feliciano Reyna, Gracia Salazar, Israel Valera Perez, Juan Carlos La Rosa, Katiuska Camargo, Lexys RendĂłn, MarĂ­a Eugenia Redondo, MarĂ­a Fernanda Abzueta, Norkys J. Salcedo, Rafael UzcĂĄtegui, RaĂșl Hurtado, Robzayda Marcos Vera, Rodolfo Montes de Oca, Rolanda Larez, Santiago Zapata, Seymar Liscano, William Requejo, Zoraida Pacheco

Organisationen:
AcciĂłn Solidaria
Action for Solidarity
AsociaciĂłn Civil Oportunidad
Centro de Justicia y Paz -Cepaz
Clima21 – Ambiente y Derechos Humanos
CODHEZ: ComisiĂłn para los Derechos Humanos del Estado Zulia
Conciencia Ciudadana A.C
Creemos Alianza Ciudadana
EXCUBITUS DHE
Instituto Mead de Venezuela A.C
Laboratorio Ciudadano de Noviolencia Activa
Laboratorio de Paz
LuchaNoViolentaEnVenezuela
Programa Venezolano de EducaciĂłn-AcciĂłn en Derechos Humanos (Provea)
Proyecta CiudadanĂ­a A.C
Psiquearte
RedOrgBaguta
Revista SIC del Centro Gumilla
UniĂłn Vecinal para la ParticipaciĂłn Ciudadana A.C
Wainjirrawa

Übersetzt aus dem Spanischen ins Englische von Daniel Cooper BermĂșdez,
ĂŒbersetzt vom Englischen ins Deutsche von Rudi Friedrich,
deutsche Übersetzung ĂŒberarbeitet von Gernot Lennert unter BerĂŒcksichtigung des spanischsprachigen Originals

Originaltext auf Spanisch:
Carta abierta de organizaciones y activistas del Derecho a la Paz y la Noviolencia de Venezuela a sus colegas del mundo

Übersetzung ins Englische
Open letter from Peace and Non-violence activists and organizations from Venezuela to our friends throughout the world. Translated by Daniel Cooper BermĂșdez


Letztes Update: 19.03.2019 17:59
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