Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Landesverband Hessen

Die geplanten NPD-Aufmärsche in Friedberg und Nidda sind am  1. August 2009 von jeweils etwa 2000 und 300 Menschen friedlich und entschlossen verhindert worden. Ausführliche Informationen unter www.wetterau-gegen-nazis.de

Die Aktionen waren von einem breiten Bündnis vorbereitet worden, an dem sich auch DFG-VK Hessen und DFG-VK Friedberg beteiligt hatten. Für die Kundgebung in Friedberg hatte Gunnar Schedel (DFG-VK Hessen) eine Rede vorbereitet. Kurz bevor Gunnar mit seiner Rede beginnen wollte, kamen die Nazis an, woraufhin sich das Kundgebungspublikum auf die verschiedenen Blockadepunkte verteilte und der inhaltliche Teil der Kundgebung abgebrochen wurde. Es gab dann nur noch Musik und blockadebezogene Durchsagen.  Hier nachträglich die ungehaltene Rede.

Rede von Gunnar Schedel (DFG-VK Hessen), vorbereitet für die Kundgebung gegen den NPD-Aufmarsch, Friedberg, 1.8.2009

Die NPD demonstriert unweit von hier „Gegen Islamisierung und Überfremdung“ – da stellt sich die Frage, was das denn sein soll: „Islamisierung“.

In Deutschland leben etwa 3,5 Millionen Muslime, das sind weniger als 5% der Bevölkerung. Darin kann ich keine „Islamisierung“ sehen.

Wenn es um Moscheen in Deutschland geht, ist die entscheidende Frage: auf wieviele Gläubige kommt ein Gotteshaus? – Nach Berechnungen des Politologen Carsten Frerk liegt dieser Wert in Deutschland für Muslime bei 1:1.200. Das ist ungefähr die Größenordnung, die auch für evangelische und katholische Christen zutrifft. Zwar gibt es in der jüngsten Vergangenheit bei einigen islamischen Verbänden ein auffälliges Bedürfnis, Moscheen als Prunkbauten zu errichten, die bei mir als säkular eingestelltem Menschen auf Bedenken stoßen – aber mit Blick auf die zahlreichen christlichen Kathedralen und Dome müssen wir feststellen, daß eine übermäßige Präsenz des Islam zumindest bislang nicht zu erkennen ist. Das größte Repräsentationsbedürfnis spiegelt sich ohnehin in den Konsumtempeln. Also: von „Islamisierung“ kann auch in dieser Hinsicht keine Rede sein.

Welche sonstigen Anzeichen für eine „Islamisierung“ sind denn zu bemerken? Sind etwa überproportional viele Bundestagsabgeordnete Muslime? Ein Blick ins Bundestagshandbuch zeigt: nein. Oder dominieren Muslime in den Chefetagen der Wirtschaftsunternehmen? Nein, auch das ist nicht der Fall.

Oder werden im Bundestag beschlossene Gesetze an der Scharia ausgerichtet? Muß das Bundesverfassungsgericht bei seinen Entscheidungen auf die Fatwas irgendwelcher Imame Rücksicht nehmen? Nein und nochmals nein.

Um es klar zu sagen: auf das Leben der allermeisten Deutschen, auf deren gesamten Alltag, hat der Islam keinerlei direkte Auswirkung. Eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die das Etikett „Islamisierung“ verdient hätte, findet einfach nicht statt.

Ein anderer Begriff, der sich immer wieder in Stellungnahmen der NPD und auch auf deren Webseite findet, macht viel besser deutlich, um was es der NPD wirklich geht: da ist von „kulturfremden Muslimen“ die Rede. In einem solchen Begriff tritt die Fremdenfeindlichkeit der NPD unverhüllt zutage. Da läßt die NPD die Maske fallen und zeigt, daß ihre Kritik am Islam ihre Wurzeln in der Ausländerfeindlichkeit hat. Und dieser ausländerfeindichen Einstellung entsprechen auch die Vorschläge der NPD, wie auf die angebliche „Islamisierung“ reagiert werden sollte: nämlich mit der „Rückführung der kulturfremden Ausländer in ihre Heimatländer“ (wie der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel vor kurzem ausführte).

Aber in solchen Vorstellungen vom „kulturfremden Muslim“, vom Einwanderer, der nicht nach Deutschland paßt, weil er aus einer anderen Kultur kommt, spiegelt sich nicht nur Fremdenfeindlichkeit, sie sind auch eine besonders üble Form der Islamisierung. Ja, ich habe „Islamisierung“ gesagt. Die NPD tut selbst das, was sie zu kritisieren vorgibt: sie „islamisiert“. Sie erklärt kurzerhand alle Menschen, die aus arabischen Ländern, dem Iran, Pakistan oder der Türkei hierher gekommen sind, zu Muslimen. Doch auch hier sprechen die Fakten gegen die Phrasen der NPD: ein guter Teil der von dort eingewanderten Menschen bzw. ihre Kinder versteht sich selbst nicht als Muslime. Und auch unter denen, die sich selbst noch Muslime nennen, stufen sich 15% als nur schwach bzw. gar nicht religiös ein. Diese Menschen mit Hetz-Predigern wie Imam Hassan Dabbagh in einen Topf zu werfen – das würde ich „Islamisierung“ nennen.

Aber es ist nicht allein eine Tarnkappe für ihren Fremdenhaß, wenn die NPD in jedem Türken einen Muslim sieht. Denn hinter dieser Gleichsetzung steht die reaktionäre Vorstellung, daß Völker homogen sind und einheitliche Kulturen ausbilden. Hinter dieser Gleichsetzung steht die Idee der „Volksgemeinschaft“. Hinter dieser Gleichsetzung steht der Wahn, daß es individuelle Selbstbestimmung nicht geben darf, daß niemand aus der Reihe tanzen darf, daß alle nach derselben Pfeife tanzen müssen.

Und hier ziehen NPD und Islamisten plötzlich an einem Strang. Beide meinen, daß es Abweichungen von der Dominanzkultur nicht geben darf. Beide lehnen abweichende individuelle Lebensentwürfe ab. Beide halluzinieren eine Gemeinschaft, in die sich alle einordnen müssen, und negieren den Gesellschaftsvertrag als Grundlage gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Wer genau hinschaut, erkennt, daß die NPD auch in einigen konkreten gesellschaftlichen Fragen ganz ähnliche Auffassungen vertritt wie diejenigen, deren Abschiebung sie gerade lauthals fordert: ich nenne nur die sogenannte Ehre der Frau, die Haltung gegenüber Homosexuellen, die Judenfeindlichkeit...

Eine einheitliche deutsche Kultur gibt es nicht und genausowenig gibt es eine einheitliche islamische Kultur. Natürlich lassen sich (rein statistisch) Mehrheitstrends erkennen, aber in jeder Kultur gibt es unzählige vom Mainstream abweichende Subkulturen. In jeder Kultur gibt es Menschen, die gegen den Strom schwimmen – und manchmal sind es ziemlich viele...

Also: Es gibt Probleme mit einer bestimmten Auslegung des Islam; es gibt Probleme mit einer bestimmten Fraktion der Muslime. Aber: diese Problem haben nicht das Geringste damit zu tun, daß der Islam resp. diese Muslime „kulturfremd“ wären. Die Probleme kommen daher, daß diese Muslime unter Berufung auf den Islam bestimmte Freiheitsrechte oder die Emanzipation der Frau oder sexuelle Selbstbestimmung oder die Abweichung von vorgegebenen Normen ablehnen. Und solche Gestalten mit denselben oder ganz ähnlichen Vorstellungen gibt es auch in Deutschland – da drüben demonstrieren sie gerade.

Die tatsächlich existierenden Probleme mit islamistisch eingestellten Muslimen lassen sich auch nicht durch Abschiebung lösen. In solchen Forderungen zeigt sich nur einmal mehr der Rassismus der NPD. Denn angenommen, der Hetzprediger Imam Hassan Dabbagh würde nach Syrien abgeschoben – was würde das denn besser machen, wenn der Mann sein Unwesen fortan in Damaskus treiben würde? Können Menschen in Damaskus islamistische Tiraden etwa besser aushalten als Menschen in Leipzig?

Ich denke: alle Menschen haben das Recht, von reaktionären Gestalten verschont zu bleiben, egal ob sie in Damaskus, in Leipzig oder in Friedberg leben. Eine Voraussetzung für eine friedfertige Gesellschaft ist, daß sich Menschen nicht in falsche Identitäten pressen lassen, daß nicht die vermeintliche Zugehörigkeit zu einem „Volk“ oder einer „Religion“ für ihr Handeln bestimmend ist. Eine Voraussetzung für eine friedfertige Gesellschaft ist, daß sich Menschen unvoreingenommen als Menschen begegnen und ihre Mitmenschen nach ihrem Verhalten beurteilen. Diese Idee der prinzipiellen Gleichheit der Menschen lehnt die NPD ab. Die Phrasen von einer angeblichen „Islamisierung“ sind nur vorgeschoben. Um was es ihr tatsächlich geht, ist die „Volksgemeinschaft“, in der es keine Individualität gibt. Dagegen müssen wir uns wehren. Hier und heute! Immer und überall!

Gunnar Schedel, DFG-VK Aschaffenburg*, 1.8.2009

Belege:

 

*Aschaffenburg liegt zwar in Bayern, die DFG-VK-Gruppe Aschaffenburg gehört jedoch zum DFG-VK Landesverband Hessen

 

 

 

 

 

Letztes Update: 03.08.2009, 18:16 Uhr